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Das digital-affine Verwaltungsratsmitglied – und ob es das braucht!

Aktualisiert: 3. Sept. 2021


Digitalkompetenz Verwaltungsrat

Am 3. Juni 2020 hat BDO ihre alle drei Jahre erscheinende Studie «Honorare und Strukturen von Verwaltungsräten in Schweizer KMU» publiziert.


Als ich, wie es die meisten unter uns mit Studien tun, die Studie querlesend überflog, stiess ich auf ein paar Erkenntnisse der Umfrage, die mich genauer hinschauen liessen. Worum ging es? Es ging um die Digitalisierung.

Digitalkompetenz spielt bei der Besetzung von KMU Verwaltungsräten eine geringe Rolle.

Die Umfrage, welche im Januar 2020 durchgeführt wurde, zeigt, dass bei den Schweizer KMU die Kompetenz in Bezug auf die Digitalisierung bei der Besetzung des Verwaltungsrats nur eine untergeordnete Rolle spielt. Dies auch bei Unternehmen, welche zwischen 250 und 1000 Mitarbeitende zählen. Die meisten befragten Verwaltungsratspräsidenten stufen die Kompetenz im Thema Digitalisierung als «gar nicht wichtig» oder «weniger wichtig» ein.

Als Person, die sich die letzten 7 Jahre intensiv mit Strategie, Digitalisierung und Innovation beschäftigt hat und Verwaltungsrätin, bin ich schockiert über diese Resultate. Nicht etwa, weil dies bedeuten würde, dass diese Kompetenzen allenfalls weniger gefragt sind könnten, sondern weil dies absolut nicht dem entspricht was heute und morgen den Wettbewerb in fast allen Märkten signifikant beeinflusst.


Meine Absicht ist es auf keinen Fall die Studie als solches zu kritisieren. Die Studie zeigt lediglich auf, was die Befragten geantwortet haben – entsprechend ist es sehr wertvoll, was sie zu Tage gebracht hat. Es sind die Erkenntnisse, die mich dazu gebrachten haben, mit diesem Blog-Post darauf zu reagieren.


Als oberstes Leitungsorgan von Aktiengesellschaften hat der Verwaltungsrat nicht nur die Verantwortung die Geschäftsführung zu bestimmen und deren Tätigkeit zu beaufsichtigen, er nimmt auch eine wichtige Rolle auf strategischer Ebene ein.

Die Digitalisierung ist ein Mega-Trend.

Die Digitalisierung ist nicht aufzuhalten. Die damit verbundenen Verhaltensänderungen der Kunden und Mitarbeitenden haben eine Auswirkung auf jedes Unternehmen. Der digitale Tornado erfasst alle Branchen und viele sind davon bereits betroffen – die Frage ist nicht ob, sondern wann. Die nachhaltige Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens kann nur erzielt werden, wenn Innovation und Digitalisierung mit genügend Verständnis und Offenheit begegnet wird.

In der Studie heisst es auch, dass Digitalisierungskompetenzen auch ausserhalb des Verwaltungsrates sichergestellt werden können. Sei es durch andere im Unternehmen tätige Personen oder externe Berater.

Daran glaube ich nicht. Der Verwaltungsrat stellt in der Praxis wichtige Weichen und kritische Fragen im Kontext der Strategie aber auch grösseren Investments. Wie kann er dies ohne Innovations- und Digitalisierungs-Know-how genügend gut tun? Das wäre, wie wenn man argumentieren würde, dass es im VR keine Finanz- oder Legal-Kompetenz braucht, weil man diese an anderen Stellen im Unternehmen hat oder bei Bedarf extern einkaufen kann. Das wäre absolut fahrlässig.

Die Diskrepanz ist offensichtlich

Die Frage liegt nahe, wieso es diesen Gap gibt. Ich vermute, dass es auch mit der Altersstruktur in den Verwaltungsräten, welche in der Studie ebenfalls beleuchtet wird, zu tun hat. Zudem ist, auch wenn dies in der Studie nicht beleuchtet wird, davon auszugehen, dass das VR-Präsidium typischerweise von einem auf Jahre bezogenen, sehr erfahrenen Verwaltungsrat bekleidet wird und der Altersdurchschnitt der VRPs höher liegt als im Gremium selbst. Auch wenn es durchaus Ü60 gibt, die sehr digital affin sind, sind sie in dieser Altersgruppe seltener gesehen als in jüngeren Generationen. Entsprechend schätzen sie die Bedeutung der Digitalisierung geringer ein – so meine Annahme.

Es muss sich etwas ändern

Es geht meines Erachtens nicht unbedingt darum, dass eine oder mehrere Personen mit tiefgreifendem IT- oder Technologie-Background im VR Einsitz nehmen. Denn tiefgreifendes Technologieverständnis und business-orientierte sowie stark kundenzentrierte Innovationen sind zwei unterschiedliche Dinge. Es geht vielmehr um eine hohe digitale Affinität und einen starken kundenzentrierten Innovations-Mindset, den es im Verwaltungsrat nebst hervorragendem Finanz-, Legal- und Risikomanagement-Knowhow braucht.


Und noch ein Aspekt. Wenn es wie in diesem Fall um «kognitive Diversität» geht, genügt eine Person mit diesem Mindset oft nicht. Insbesondere wenn wir von VR-Gremien in mittelständischen Unternehmen sprechen, die mehr als 3 Personen zählen und bei Firmen, die sich eher in einem traditionell orientierten Umfeld bewegen. Ein einziges innovativ oder andersdenkendes Mitglied allein hat es relativ schwer seinen Gedanken genügend Gehör und Zuspruch zu verschaffen. Damit die Komplementarität der Denkweisen im VR erfolgsversprechend ist, lohnt es sich den neuen ergänzenden Fähigkeiten im VR genügend Gewicht zu geben.


Gerade jetzt, wo davon auszugehen ist, dass COVID-19 der Digitalisierung noch mehr Aufwind verschaffen wird, kommt dem Zitat von Peter Drucker eine besondere Bedeutung zu: «The greatest danger in times of turbulence is not the turbulence, it is to act with yesterday’s logic.” Also: «Die grösste Gefahr in turbulenten Zeiten sind nicht die Turbulenzen. Es ist das Agieren entlang der Logik, die in der Vergangenheit funktioniert hat».


Entsprechend ist es meines Erachtens höchste Zeit die offenen VR Positionen so zu besetzen, dass die Resultate nächstes Jahr ein anderes Bild zeigen. Dann werden die für unsere Wirtschaft so bedeutenden KMUs für die Zukunft weiterhin gut oder noch besser aufgestellt sein.

Über die Autorin Sibylle Kammer schlägt Brücken zwischen dem Heute und der Zukunft, Technologie und Business, Customer Experience und Innovation, Marketing & Sales, Weiblichkeit und Geschäftsführung.

Ihr Motto: Mit Offenheit und Neugier voran gehen und dabei die Bodenhaftung behalten.

Innovation ist ein treuer Begleiter Sibylle Kammers. Das Thema ist in ihrer Karriere schon in verschiedensten Formen aufgetreten. Sie treibt mit Leidenschaft neue Ideen zum Nutzen von Kundinnen und Kunden voran. Sibylle Kammer spricht und schreibt über die Realität zwischen Vision, Strategie und Umsetzung und schöpft dabei aus ihrer umfassenden, langjährigen Erfahrung als Führungskraft, Geschäftsleitungsmitglied und Verwaltungsrätin in führenden Dienstleistungsunternehmen aus der Finanz- über die Beratungs- bis hin zur Innovationsbranche.

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